Der kleine Kalli

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(55) Der kleine Kalli – hat Glück im Spiel

Glücksspiel ist – ähnlich wie Rache – ein Luxus, den sich der kleine Kalli nicht leisten kann. Seit er in der Schule bei seinem Mathelehrer Herrn Braun einmal aufmerksam beim Thema Stochastik aufgepasst hat, weiß der kleine Kalli, dass Lotto eine Steuer für Menschen ist, die nicht rechnen können. Dabei könnte der kleine Kalli mit einem Lottogewinn einiges anstellen: eine Weltreise machen, eine Villa kaufen oder ein großes Auto fahren. Der kleine Kalli gerät ins Schwärmen und träumt schon von der Südsee als ihn im Internet unerwartet ein Gratis-Lotto-Feld angeboten wird. Damit hatte weder er noch Herr Braun gerechnet. Das Risiko war plötzlich überschaubar und so tippte der kleine Kalli munter drauf los. Mit der Zahlenkombination 1, 3, 5, 7, 9, 12 und der Superzahl 4 konnte er eigentlich nicht falsch liegen. Den Tag der Ziehung hätte der kleine Kalli beinahe verpasst. Die Freude stieg mit jeder gezogenen Zahl ins Unermessliche. Die Lottofee zog nach und nach exakt seine Zahlen. 6 Richtige plus Superzahl! Die Gewinnsumme von 3,6 Mio. Euro war tatsächlich Kalli. Doch Kalli erzählte niemandem von seinem Tipp-Glück. So warf er den Tippschein in den Müll und freute sich über seine Gesundheit und die tollen Menschen, die er seine Freunde nannte, auch ohne Millionen auf dem Konto. Und wie er den Tippschein so wegwarf, dachte er an Herrn Braun, seinen alten Mathelehrer, und war froh, dass er seine Ausbildungsarbeit nicht zerstört hatte – und so zählte Kalli weiterhin zu den Menschen, die rechnen können.

(54) Der kleine Kalli – mit fremden Federn

Der kleine Kalli ist schon ein komischer Vogel. Schon zu Schulzeiten fiel er negativ bei seinen Klassenkameraden auf. Es war aber auch besonders dreist von ihm, die Schulaufgaben erst beim Nachbarn abzuschreiben, um sich anschließend zu melden, diese vorzutragen und eine gute Note zu kassieren. Doch mit der Zeit entwickelt der kleine Kalli noch mehr Ideen, wie er die Sachen der anderen vermarkten kann. So geht er seit kurzem nur noch mit Hut in die Stadt. Trifft er auf einen Straßenmusiker mit Publikum, so wartet er das Ende der Darbietung ab, zieht seinen Hut und geht dankend nickend durch die Reihen der Zuschauer. Bei den Straßenkünstlern ist Kalli nicht sonderlich beliebt, dafür bei den Toilettenfrauen der Stadt, diesen kippt der kleine Kalli die Tageseinnahmen auf ihren Teller und dankt dabei für die wertvolle, wenn auch beschissene Arbeit, die sie für die Gesellschaft leisten. Gleichzeitig ermöglicht er vielen Passanten die kostenlose Verrichtung der Notdurft auf den ungeputzten Toiletten. Manchmal geht der kleine Kalli selbst auf eine solche öffentliche Toilette mit “Türstehern”, dann pupst er vergnügt, dreht sich zum Nebenmann um und sagt: “Machen Sie sich nichts draus, ist mir auch schonmal passiert.” Dann stolziert er ohne zu zahlen an der freundlich winkenden Putzfrau vorbei und erfreut sich an den verwunderten Blicken der zahlenden Gäste.

(53) Der kleine Kalli – elektrisch gegrillt

Der kleine Kalli liebt Grillen über alles. Wenn die Steaks im Sommer auf dem Grill und er in der Sonne bruzzeln, dann fühlt er sich so richtig gut. Der Duft von frisch gegrilltem Fleisch lockt Kalli erst an die Fleischtheke und dann in den Park. Doch die Grillplätze sind gerade im Sommer heiß begehrt. Die Grillplätze in Kallis Stadt sind dabei so rar, dass ein Großteil der Grillfreunde weder Tisch noch Bank ergattern kann, sondern auf dem Boden essen muss. Dort wird einem nicht nur die Wurst von Nachbars Lumpi streitig gemacht, auch Bälle und Frisbees der herumtobenden Kinder landen auf der Picknickdecke. Das Platzproblem und die andauernden Berichte über die hohe Feinstaubbelastung in deutschen Innenstädten veranlassten den kleinen Kalli dazu umzudenken. So konnte es nicht weitergehen. Geliebte Grillkohle hin oder her, eine Lösung musste gefunden werden. Letztlich war es die in Sachen Abgasen und Feinstaub nicht ganz unschuldige Automobilindustrie, die die Lösung bereit hielt. Kalli kaufte sich einen Elektrogrill, sammelte ein paar alte Campingklappstühle vom Sperrmüll auf und trommelte seine Freunde zusammen. Sein Ziel: die niegelnagelneue Elektrotankstelle in der Adenauerallee. Für schmalen Taler kann man hier sein Elektrovehikel mit Strom versorgen – und eben auch seinen Elektrogrill. Der Parkplatz, der für stinkende Verbrenner und wohl auch Holzkohlegrills tabu ist, bietet zudem genügend Platz für Kalli und seine Freunde. Mit dem Ökostrom aus der Zapfsäule schmecken die Biowürstchen gleich nochmal so gut. Und an der Schnellladesäule sind selbst die dicksten Rumpsteaks in null Komma nichts servierfertig. Für Teslakunden der ersten Stunde ist der Grillspaß sogar kostenlos, alle anderen können sich dennoch über günstige Tarife freuen. Beim Essen fachsimpelt Kalli dann über den “Würstchenblinker” aus dem Werner-Film. Nur all zu lange sollte die Elektrogrillparty nicht gehen, sonst gibt es wohlmöglich ein Knöllchen von der Politesse. Der kleine Kalli ist jedenfalls elektrifiziert von der Idee und wünscht allen Nachahmern bon appetit!

(52) Der kleine Kalli – lässt von sich hören

Die Stille macht dem kleinen Kalli Angst. Nicht solche Angst, die man empfindet, wenn man ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springt. Es ist eher die Art von Angst, die man selbst entwickelt, so z. B. die Angst vor Türgriffkeimen oder Dauerschluckauf (zum googeln: chronischer Singultus). Wenn er nicht von dem Gezwitscher der Singvögel geweckt wird, stellt der kleine Kalli gleich nach dem Aufstehen das Radio an, um die unsägliche Ruhe der Nacht zu beenden. Zwar ist damit der Frieden der Ungestörtheit vorbei, allerdings ist Kalli unweigerlich den Qualen der -neudeutsch- sogenannten “Morning-Shows” hilflos ausgesetzt. Dort wird die gute Laune gepaart mit vermeintlich lustigen Telefonstreichen, witzigen Moderationen und tollen Gewinnspielen nur so durch die Lande gesendet. “Kein Wunder”, denkt sich Kalli, “dass viele Mitmenschen morgens so aggressiv sind, wenn sie diesem Frohsinn ohne Schutz ausgesetzt sind.” Überhaupt halten Radioprogramme – und dabei sind sich alle Sender einig (Kartell?!) – völlig absurde Eigenarten für den Hörer bereit. Angefangen bei den immer selben Nachrichten zur vollen und halben Stunde, der immer gleichen, wohl zwingend dämlichen Werbung und dem Hoch- und Runterspielen der aktuellen Top-10-Hits. Der geneigte, mathematikaffine Hörer hat selbstverständlich nachgerechnet und erkannt, dass bei durchschnittlicher Songlänge von drei Minuten allein für das Runternudeln der aktuellen Top-10 eine halbe Stunde vergeht. Hinzu kommen acht Minuten Nachrichten, zwei Minuten Stauinfos und zwölf Minuten Werbung. Es bleiben folglich ganze acht Minuten in der Stunde, um den Hörer mit Themen, Gästen, neuen Hits oder aber schlichten Moderationen zu langweilen. Erfahrene Nutzer der Empfangsgeräte wissen aber auch, dass ein Senderwechsel zwecklos ist. Immerhin hat zumindest der Autohersteller Dacia die Gefahr der monotonen sinnlosen Berieselung erkannt und bietet seine Fahrzeuge in der Basisversion ohne Radio an. Der kleine Kalli hat sich mit dem Konzept “Radio” abgefunden, nur manchmal packt ihn der Ehrgeiz und er ruft an, um sich ein Lied zu wünschen. Kommt er durch, gibt er in der Vorbefragung als Wunschlied die aktuelle Nummer eins der Charts an, damit er auch ganz sicher durchgestellt wird. Einmal on air gibt es dann kein zurück, dann kann er der Hörergemeinde aus der Seele sprechen und endlich auf “Mein Kleiner Grüner Kaktus” von den Comedian Harmonists bestehen.

(51) Der kleine Kalli – auf fischer Tat ertappt

Manchmal nutzte der kleine Kalli die Mittagspause, um im benachbarten Baumarkt die Fische in der Aquaristikabteilung zu beobachten. Dort tümmelte so einiges umher. Kalli fiel neben den bunten Fischen ein anderer Baumarktkunde auf, der eher grau und unscheinbar war. “Was für ein merkwürdiger Typ”, dachte Kalli noch vorurteilsvoll, bevor er sah, wie der Unbekannte sich über das Goldfischbecken beugte. “Das kann doch nicht wahr sein!”, denkt sich Kalli, als er den merkwürdigen Kunden mit prallen Wangen in Richtung Ausgang eilen sieht. Schnell informiert der kleine Kalli einen Verkäufer über den ungeheuerlichen Vorgang. Auf dem Parkplatz treffen Detektiv Kalli, der Verkäufer und eine herbeigerufene Polizeistreife den vermeintlichen Dieb an. Auf den vermeintlichen Diebstahl eines Goldfisches angesprochen, gibt sich der Beschuldigte wortkarg und schweigt. Die Backen sind immer noch prall gefüllt, sodass der Verkäufer den Verdacht äußert es könnten sogar zwei Goldfische entwendet worden sein. Die Polizisten werden allmählich ungehalten und fordern den Mann auf, doch endlich den Mund auf zu machen. Dieser Schluckt kräftig und öffnet den Mund. Nichts. Wie sich im Laufe der Feststellung seiner Personalien herausstellt, ist Herr Schröder stumm. Dem kleinen Kalli ist die Sache mehr als unangenehm, er entschuldigt sich bei allen. Die Sache lag bereits über einen Monat zurück, da klingelte Kallis Telefon. Der Baumarktverkäufer war am Apparat und teilte ihm mit, dass bei der Inventur festgestellt wurde, dass ein Goldfisch fehlt.

(50) Der kleine Kalli – und der grüne Daumen

Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen. Der kleine Kalli war zwar noch nie in Spanien, aber bei der letzten Bundesgartenschau, bei der man in die Gärten des Bundes schaut – wie der Name bereits verrät, da hat sich der kleine Kalli infiziert. Ab sofort steht das Gärtnern auf seiner Hobbyliste ganz oben. Da werden Rosen genauso überdüngt wie Petunien. Und Grün ist nicht gleich Grün, das lernte der kleine Kalli schnell. Während Rucola inzwischen als absolutes IN-Gewächs gilt, ist Löwenzahn und anderes Unkraut im gärtnerischen Kleinod unerwünscht. Und das, obwohl sich Rucola und Löwenzahn weder geschmacklich noch optisch großartig unterscheiden. Aber Kalli ist inzwischen Profi und weiß, eines der beiden Gewächse ist Hasenfutter. Bei der Gartenarbeit steht bei Kalli die Arbeit im Vordergrund. Es kommt ihm weniger auf die Früchte der Arbeit als die Tätigkeit selbst an. Seine Liebe zum Grün geht sogar so weit, dass er schon mal mit dem Gedanken gespielt hat, einen Kleingarten anzumieten. Doch in solchen Kleingartenanlagen gibt es nur Verlierer: da wären der kleinkarierte Kleingärtner, der Gartennazi, die Deutsche Bahn und der verwilderte Kleingarten(besitzer). Und die Gefahr zu letzteren zu zählen, ließ den kleinen Kalli schließlich von seinem Plan absehen. So widmet er sich lieber dem urban-gardening und pflegt die Mooskulturen auf seinem Balkon.

(49) Der kleine Kalli – wartet

Früher hat der kleine Kalli auf den ersten Schnee, den Nikolaus, das Christkind und den Ferienbeginn gewartet, heute wartet der kleine Kalli auf seine Freundin. Überhaupt verbringt er, wie viele andere Erdenbewohner, den Großteil seiner Zeit mit Warten. Die nächste Gehaltserhöhung, die lange Schlange vor dem Supermarkt oder aber der Arzttermin sind nur einige nervenaufreibende Beispiele, die die wertvolle Lebenszeit unnötig in die Länge ziehen. Der kleine Kalli hat dies erkannt und ein Start-Up-Unternehmen gegründet, dass sich genau diesem Problem annimmt. Mit “WaitForIt” will Kalli den Durchbruch wagen. Ein Anruf genügt und Kalli steht für Sie bei der Zulassungsstelle in der Warteschlange. Insbesondere bei der Wahrnehmung von Arztterminen ist Kallis Dienstleistung gefragt. Immer weniger Menschen möchten sich der hohen Keimbelastung in Wartezimmern von Arztpraxen aussetzen und buchen Kalli, der bei Aufruf den Kunden informiert, dass er nun kommen kann. Andere Kundenanfragen musste Kalli, dessen Unternehmen – aus Gründen – bewusst auf eine Telefon-Warteschleife verzichtet, abweisen. So können Wartesemester von Medizinstudenten ebenso wenig von Kalli übernommen werden, wie das Warten auf Heiratsanträge. Auf seine Bezahlung hingegen wartet Kalli gerne, die erfolgt nämlich nicht per Vorkasse, damit die Kunden bloß nicht warten müssen. Sollte die Bahn es aber einestages schaffen, den Fahrplan einzuhalten, würde eine wichtige Einnahmequelle weg brechen. Bis das aber geschieht, heißt es: “WaitForIt”!

(48) Der kleine Kalli – und der Nikolaus

Dass mit dem bärtigen Mann etwas nicht stimmt, war dem kleinen Kalli sofort klar. Der lange Bart, die große Mütze und dann die Hausschuhe von Papa. Und zu allem Überfluss wusste der Nikolaus ganz genau, wann der kleine Kalli sich im vergangenen Jahr daneben benommen hat. Außerdem hatte Kallis Papa bereits in den vergangenen Jahren den Besuch des hl. Nikolaus verpasst. Entweder war er auf Toilette oder aber kurz etwas im Keller holen. Das alles, so glaubt der kleine Kalli, kann kein Zufall sein. Und so fasst er all seinen Mut zusammen und rupft kräftig an dem Bart des Mannes, der bis eben noch für wenig gewissenhaftes Zähneputzen mit der Rute drohte. Der Schrei des Nikolaus war in der gesamten Straße zu hören. Kallis Papa kam von der Toilette gesprungen und löste Kallis Klammergriff. Woher sollte der kleine Kalli auch wissen, dass seine Eltern dieses Jahr den Studenten Kevin Kanz gebucht hatten? Die Geschenke musste der Kevinnikolaus damals wieder mitnehmen, anders als seine Barthaare, die behielt der kleine Kalli als Trophäe in der Hand. In den folgenden Jahren kam am 6. Dezember nur noch Onkel Karlheinz (55, 163 kg, Erntehelfer und Hobbyangler) als Knecht Ruprecht mit der Rute.

(47) Der kleine Kalli – verkehrsberuhigt

In Sachen Verkehr ist bei dem kleinen Kalli eigentlich alles in bester Ordnung. Er verkehrt in guten gesellschaftlichen Kreisen und auch sein Liebesleben lässt keine Wünsche offen. Einzig die Raser vor seiner Haustür stören den kleinen Kalli. Wieso die Menschheit glaubt, dass Geschwindigkeitsbegrenzungen nur für die anderen gelten, ist ihm ein ewiges Rätsel. Und auf dem Weg zur Arbeit ärgert sich Kalli regelmäßig über Geschwindigkeitsjunkies. Drängeln und Schneiden gehört zum täglichen Geschäft auf Deutschlands Straßen. Doch seit kurzem hat Kalli den Kampf aufgenommen. Dabei macht er sich den wohl letzten kostenlosen Service zunutze, den es in der Medienlandschaft gibt: den Blitzdienst. Schon kurz nach dem Weckerklingeln wählt Kalli die Nummer der Blitzerhotline und meldet einen Blitzer auf der Hauptstraße seines Wohnortes. Nach dem Frühstück sind dann die Straßen vor der Kita und der Schule dran. Seine Frau kümmert sich um die Bundesstraße und das kurze Stück Autobahn, das auf dem Weg zur Arbeit liegt. An Tagen, an denen Kalli besonders gut drauf ist, dürfen seine Kinder noch per Smartphone die Dreißigerzone im Nachbarort melden. Besonders toll findet Kalli, dass die Blitzdienste der Radiosender so schnell sind. Schon kurz nach dem Anruf sind die vermeintlichen Blitzer im Internet und den wichtigsten Infosystemen zu finden. Wer jetzt noch zu schnell fährt, der hört entweder kein Radio oder hat schlicht vergessen, die einschlägigen Facebookgruppen vor Fahrtantritt zu checken. Auf diese Weise fließt der Verkehr auf Kallis Strecken ganz entspannt. Kalli ist überzeugt, oft braucht es gar keine echten Blitzer. Vielmehr seien es die Blitzer in den Köpfen der Fahrer, die für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgen. Aufgrund des Erfolgs der Blitzermeldeaktion hat Kalli die Facebookgruppe “Blitzer melden, wo keine sind!” gegründet, um weitere Melder zu finden und sich untereinander abzusprechen, wer wann und wo welche Blitzer gesichtet haben könnte. Na dann, gute Fahrt!

(46) Der kleine Kalli – im Körper eines anderen

Es war ein ganz gewöhnlicher Abend. Die Festgäste standen um die festlich geschmückte Festtafel herum. Alle warteten auf die erlösenden Worte. Die Geburtstagsgäste waren Kalli größtenteils unbekannt. Er starrte auf die Geburtstagstorte und registrierte die Blicke der anderen. Plötzlich löste sich Kallis Wahrnehmung von seinem Körper. Er stand neben sich. Sah sich selbst, wie er die Torte betrachtete. So nehmen andere den kleinen Kalli also wahr. Es war ein völlig neuer Blickwinkel. Im Spiegel sah er sich sonst nur aus der gewohnten, vertrauten Spiegelperspektive. Das hier war neu. Er dachte an den Film “8 Blickwinkel”, den er im Kino geschaut hatte. Damals war er froh, dass der Film nicht “20 Blickwinkel” heißt. Doch in diesem Moment mochte er den objektiven Blick auf sich selbst. Losgelöst ging er um sich herum. Sah sich an und wurde sich immer fremder. Schließlich verspürte er den Drang in sich, sich selbst zu begrüßen. Sich die Hand zu reichen und zu sagen:”Guten Tag, ich bin der kleine Kalli. Mit wem habe ich das Vergnügen?” Seinem Spiegelbild konnte Kalli nicht die Hand geben. Jetzt aber war alles möglich. Er war gespannt auf seinen eigenen Händedruck. Ist er fest, oder weich? Wie ein Bauarbeiter oder eher wie ein alter Tafelschwamm? Dann streckte der echte Kalli dem Gedankenkalli seine Hand zum Händeschütteln entgegen. Doch was war das? Der Gedankenkalli zerplatzt wie eine Seifenblase. Kein Wunder, war der Gedankenkalli doch Linkshänder. Und es war für ihn unvorstellbar, sich mit der linken Hand zu begrüßen. Für den kleinen Kalli erscheint der Gedanke befremdlich, eine andere als die Schreibhand zum Handschlag zu benutzen. Etwas irritiert wendet er sich von der Tortenpracht ab und geht zu einem ihm unbekannten Gast. “Guten Tag, ich bin der kleine Kalli. Mit wem habe ich das Vergnügen?”, kommt es aus ihm heraus, während er seinem Gegenüber die rechte Hand hinhält.

(45) Der kleine Kalli – im Sale

Die Sommerferien verbrachte der kleine Kalli mit verschieden schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Dieses Mal nutzte der kleine Kalli die Gelegenheit, um zu schauen, wie schlecht es um den deutschen Einzelhandel bestellt ist. Und so durfte er die ersten Wochen Regale in einem Lebensmittelgeschäft auffüllen. Ein äußerst wichtiges Unterfangen. Immerhin – so lernte Kalli schnell – darf kein Produkt im Lager verbleiben. Andernfalls müssten die Verkäufer auf Nachfragen der Kunden den langen Weg in besagtes Lager antreten und Nachschauen. Zudem entfielen sonst die Lieblingssätze vieler Verkäufer: “Nur noch das, was im Regal ist. Wenn da nix mehr ist, haben wir auch nix mehr da.” Danach wechselte der kleine Kalli zu einem angesagten Textilgeschäft. Zunächst war der Filialleiter ausgesprochen zufrieden mit Kalli. Keiner konnte T-Shirts und Hosen so schnell nach Farbe sortieren wie Kalli. Und keiner beäugte Kunden, die mit vier statt drei Teilen in die Umkleidekabine gingen, derart streng wie er. Doch eines Tages blieben die Kunden aus. Niemand wusste, wieso plötzlich alle Passanten das Kleidungsgeschäft meideten. Drei Tage und mehrere tausend Euro Verluste später viel Kallis Missgeschick auf. Eine Kundin kam in die Filiale und fragte sichtlich aufgelöst, ob es denn gar keinen “Sale” gebe. “Selbstverständlich!” antworteten die Angestellten verdutzt. Die Dame verwies auf die fehlenden “Sale-Schriftzüge” im Schaufenster. Das war eindeutig Kallis Fehler. Er war doch in dieser Woche für die Schaufenstergestaltung zuständig. Woher sollte der kleine Kalli auch wissen, dass die Puppen mit Bademode im Schaufenster nichts zu suchen haben?! Und die 300 roten Sale-Aufkleber in verschiedenen Größen (XXL-3XL) hatte Kalli schlichtweg übersehen. Der Filialleiter ordnete sofort an, die liebevolle Dekoration zu entfernen und SALE-Schriftzüge anzubringen. Am Ende des aufregenden Tages kamen nicht nur wieder Kunden, sondern auch die Einsicht bei Kalli, dass nur SALE saled.

(44) Der kleine Kalli – im Sternerestaurant

Gutes Essen ist wichtig. Diesen Grundsatz beachtet der kleine Kalli seit er kulinarisch von seiner Großmutter groß- bzw. kleingezogen wurde. Denn eines ist dem kleinen Kalli klar: “Ohne Mampf kein Kampf” oder wie es auch heißt, “die Mahlzeiten sind das wichtigste Essen des Tages”. Mangels Kochtalent und unzureichender Auswahl an Kochshows im Fernsehen bevorzugt Kalli die örtliche Gastronomie zur Aufnahme von Speisen. Nachdem er schon nach kurzer Zeit alle Döner- und Schnellimbisse durchprobiert hatte, widmete sich der kleine Kalli der gehobenen Gastronomie. Aber auch der Italiener und Grieche von nebenan wurden dem hungrigen Kalli auf Dauer zu fad, sodass er kurzerhand beschloss, das mit einem Reifenherstellerstern dekorierte Restaurant zu besuchen. “Hoffentlich sieht man danach nicht aus wie das Michelin-Männchen” dachte sich Kalli, bevor der das 7 Gänge Menü bestellte. Doch diese Sorgen waren – wie sich herausstellen sollten – unbegründet. Der erste Gang war ein Sekt und eher etwas für die Leber als für den hungrigen Magen. Es folgte eine einsame Krabbe auf einem großen Teller. Wäre die Krabbe noch am Leben gewesen, hätte der Teller alle Haltungsanforderungen des Tierschutzes genügt. Es folgte der dritte Gang; noch eine Krabbe. Dann ein Blatt Salat, eine Suppe Aquatica, ein hauchdünnes totmassiertes Rinderfilet und schließlich eine halbe Kugel Vanilleeis auf Vanillesoße. Bei der Nachspeise könnte es sich aber auch um eine ganze Kugel Vanilleeis (ohne Vanillesoße) gehandelt haben. Das Essen war gut und reichlich, hätte aber besser und mehr sein können. Gewürzt war alles super, jedenfalls die Rechnung war gesalzen. Der kleine Kalli kommt gerne wieder in die Sterneküche, dann aber mit Begleitung. Schließlich ist für das gegenseitige Tellertauschen und anschließende Rauskomplimentieren vielfach ein hohes Preisgeld ausgewiesen. Bon Appetit!