Der kleine Kalli

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(45) Der kleine Kalli – im Sale

Die Sommerferien verbrachte der kleine Kalli mit verschieden schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Dieses Mal nutzte der kleine Kalli die Gelegenheit, um zu schauen, wie schlecht es um den deutschen Einzelhandel bestellt ist. Und so durfte er die ersten Wochen Regale in einem Lebensmittelgeschäft auffüllen. Ein äußerst wichtiges Unterfangen. Immerhin – so lernte Kalli schnell – darf kein Produkt im Lager verbleiben. Andernfalls müssten die Verkäufer auf Nachfragen der Kunden den langen Weg in besagtes Lager antreten und Nachschauen. Zudem entfielen sonst die Lieblingssätze vieler Verkäufer: „Nur noch das, was im Regal ist. Wenn da nix mehr ist, haben wir auch nix mehr da.“ Danach wechselte der kleine Kalli zu einem angesagten Textilgeschäft. Zunächst war der Filialleiter ausgesprochen zufrieden mit Kalli. Keiner konnte T-Shirts und Hosen so schnell nach Farbe sortieren wie Kalli. Und keiner beäugte Kunden, die mit vier statt drei Teilen in die Umkleidekabine gingen, derart streng wie er. Doch eines Tages blieben die Kunden aus. Niemand wusste, wieso plötzlich alle Passanten das Kleidungsgeschäft meideten. Drei Tage und mehrere tausend Euro Verluste später viel Kallis Missgeschick auf. Eine Kundin kam in die Filiale und fragte sichtlich aufgelöst, ob es denn gar keinen „Sale“ gebe. „Selbstverständlich!“ antworteten die Angestellten verdutzt. Die Dame verwies auf die fehlenden „Sale-Schriftzüge“ im Schaufenster. Das war eindeutig Kallis Fehler. Er war doch in dieser Woche für die Schaufenstergestaltung zuständig. Woher sollte der kleine Kalli auch wissen, dass die Puppen mit Bademode im Schaufenster nichts zu suchen haben?! Und die 300 roten Sale-Aufkleber in verschiedenen Größen (XXL-3XL) hatte Kalli schlichtweg übersehen. Der Filialleiter ordnete sofort an, die liebevolle Dekoration zu entfernen und SALE-Schriftzüge anzubringen. Am Ende des aufregenden Tages kamen nicht nur wieder Kunden, sondern auch die Einsicht bei Kalli, dass nur SALE saled.

(44) Der kleine Kalli – im Sternerestaurant

Gutes Essen ist wichtig. Diesen Grundsatz beachtet der kleine Kalli seit er kulinarisch von seiner Großmutter groß- bzw. kleingezogen wurde. Denn eines ist dem kleinen Kalli klar: „Ohne Mampf kein Kampf“ oder wie es auch heißt, „die Mahlzeiten sind das wichtigste Essen des Tages“. Mangels Kochtalent und unzureichender Auswahl an Kochshows im Fernsehen bevorzugt Kalli die örtliche Gastronomie zur Aufnahme von Speisen. Nachdem er schon nach kurzer Zeit alle Döner- und Schnellimbisse durchprobiert hatte, widmete sich der kleine Kalli der gehobenen Gastronomie. Aber auch der Italiener und Grieche von nebenan wurden dem hungrigen Kalli auf Dauer zu fad, sodass er kurzerhand beschloss, das mit einem Reifenherstellerstern dekorierte Restaurant zu besuchen. „Hoffentlich sieht man danach nicht aus wie das Michelin-Männchen“ dachte sich Kalli, bevor der das 7 Gänge Menü bestellte. Doch diese Sorgen waren – wie sich herausstellen sollten – unbegründet. Der erste Gang war ein Sekt und eher etwas für die Leber als für den hungrigen Magen. Es folgte eine einsame Krabbe auf einem großen Teller. Wäre die Krabbe noch am Leben gewesen, hätte der Teller alle Haltungsanforderungen des Tierschutzes genügt. Es folgte der dritte Gang; noch eine Krabbe. Dann ein Blatt Salat, eine Suppe Aquatica, ein hauchdünnes totmassiertes Rinderfilet und schließlich eine halbe Kugel Vanilleeis auf Vanillesoße. Bei der Nachspeise könnte es sich aber auch um eine ganze Kugel Vanilleeis (ohne Vanillesoße) gehandelt haben. Das Essen war gut und reichlich, hätte aber besser und mehr sein können. Gewürzt war alles super, jedenfalls die Rechnung war gesalzen. Der kleine Kalli kommt gerne wieder in die Sterneküche, dann aber mit Begleitung. Schließlich ist für das gegenseitige Tellertauschen und anschließende Rauskomplimentieren vielfach ein hohes Preisgeld ausgewiesen. Bon Appetit!

(43) Der kleine Kalli – im Kino

Sicherlich hätte der kleine Kalli mit der Hypothek auf sein Eigenheim auch allerhand andere schöne Dinge machen können. Aber Kalli war schon lange nicht mehr im Kino und wollte sich den neuen Minionsfilm unbedingt anschauen. Und so war er auch bereit sämtliche monetären Entbehrungen auf sich zu nehmen, um sich dieses knapp zweistündige Erlebnis gönnen zu können. Da der kleine Kalli keine Lust auf lange Schlangen an der Kinokasse hatte, investierte er gerne die 5 Euro Vorverkaufsgebühren und 8 Euro Buchungsgebühren. Immerhin spart der Kinobetreiber mit seiner Online-Buchung ja auch billiges Kassenpersonal ein. Insofern hat der kleine Preisaufschlag durchaus seine Berechtigung. Da Kalli ungern einen steifen Nacken bekommen wollte, war natürlich der Logenzuschlag fällig, der ab Reihe 2 zu entrichten ist. Dafür bekommt man dann aber allerhand geboten. Ein besonderes Highlight sind die Sturzsicheren Teppichböden im Kino, die – getränkt von Cola und Co – derart klebrig sind, dass bereits das Erreichen des Kinosessels ein Erlebnis ist. Apropos Kinosessel. Dieses Wunder moderner Ausstattungsideen verfügt über alles, was sich der Kunde so wünscht: Verstellbare Rückenlehnen, einen ausreichend großen Becherhalter, ein Staufach für Jacken und Handtaschen, einen kleinen Tisch für Snacks und eine angenehme Massagefunktion sucht man jedoch vergebens. Bevor man in den Genuss des außergewöhnlichen Sitzkomforts kommt, warten Popcorn und Kaltgetränke im Foyer, deren Preise locker mit den teuersten Sternerestaurants des Landes mithalten können. Wer es – aus welchen Gründen auch immer – nicht schafft, sich vor dem Betreten des Kinosaals mit allerlei ungesunden Sachen einzudecken, der hat beim Eismann die Möglichkeit den Start der Vorstellung unnötig in die Länge zu ziehen. Aber dann geht der Film nach nur 30 Minuten Werbung endlich los. 3D-Brille für 2 Euro aufgesetzt und das ungetrübte Filmerlebnis hemmungslos genießen. Von hinten treten ganz sanft die nackten Stinkefüße der Hinterfrau gegen den Sitz und imitieren die fehlende Massagefunktion. Der Sitznachbar schmatzt in Dolby-Digital und der Vordermann liefert durch geschicktes Googlen auf dem Smartphone wertvolle Hintergrundinfos zum Film. So schön kann Kino sein, realisiert der kleine Kalli als er den Kinosaal verlässt, der am Ende der Vorstellung sogar ein kleines bisschen sauberer wirkt als zu Beginn. Sollte er irgendwann im Lotto gewinnen, kommt er gerne wieder.

(42) Der kleine Kalli – auf Ü30 Party

Ganz genau kann sich der kleine Kalli nicht mehr daran erinnern, wie er eigentlich hier gelandet ist. Es könnte damit zu tun haben, dass die Einladung bereits seit Monaten in seine Hände viel und sein Gehirn nicht mehr das Jüngste ist. Es könnte aber auch an den acht Bieren liegen, die Kalli inzwischen in sich hinein gestellt hat. Die Ü-30 Party jedenfalls ist für den kleinen Kalli Neuland. Was das Smartphone für seine Eltern, ist diese Form der Abendgestaltung für ihn. Die Bezeichnung „Ü-30“ bezieht sich dabei auf die Körpergröße (weshalb auch der KLEINE Kalli teilnehmen darf). Das Alter kommt – in Anbetracht der Gäste – jedenfalls nicht als Abgrenzungskriterium in Betracht. Kalli ist mit seinen 27 Jahren vermutlich sogar der älteste Besucher. Auch sonst hat Kalli sich diese Art der Veranstaltung ganz anders vorgestellt. Es laufen aktuelle Schlager über eine viel zu laute Anlage. „Wenigstens haben die älteren Herrschaften die Möglichkeit, das Hörgerät abzuschalten“, denkt sich Kalli. Die Tanzfläche ist genauso leer wie bei anderen Tanzveranstaltungen und auch die Getränke sind genauso teuer wie sonst. Weshalb die Party den Titel „Ü-30“ trägt bleibt dem kleinen Kalli schleierhaft. Und der geistige Vorhang hebt sich erst, als er sich auf der Toilette übergeben muss; Die gleichen Fliesen wie vor über 30 Jahren!

(41) Der kleine Kalli – Aufgeblasen

Eingebildete Menschen kann der kleine Kalli überhaupt nicht leiden. Kalli reagiert bei aufgeblasenen Personen allergisch. Apropos aufgeblasen. Die Vorliebe zu Hülsenfrüchten ist ein Laster Kallis, welches sich nur schwerlich mit den modernen gesellschaftlichen Konventionen vereinbaren lässt. Nicht erst seit dem Luther Jahr 2017 ist Kalli großer Bewunderer des Reformators, dem es trotz beharrlichem Nachfragen nicht gelang Furzen und Rülpsen salonfähig zu machen. Dabei sind es oft gar nicht die großen lauten Töne, sondern die kleinen leisen, auf die es ankommt. Der kleine Kalli jedenfalls hat sich diesem Tabu-Thema verschrieben und klärt seine Umwelt auf – auch wenn es einigen stinken mag. Die Urgroßmutter wusste schon: „Wenn’s Ärschle brummt, ist’s Herzle g’sund!“ Und oft bleiben die Ausdünstungen ja auch unbemerkt.

(40) Der kleine Kalli – Ausgelacht

Eines hat der kleine Kalli schnell verstanden: Fasching ist eine ernste Angelegenheit. Seit einem Jahr – oder wie der Narr zu sagen pflegt: seit dieser Session – ist Kalli im Carnevalsverein aktiv. Karnevalsvereine und Kanzleien haben die Gemeinsamkeit, dass sie am liebsten das „K“ durch ein „C“ ersetzen. So werden aus den „Kollegen“ die „Collegen“ und der „Karnevalsverein“ zum „Carnevalsverein“. Im Verein ist aber nicht nur die Schreibweise genauestens festgelegt, sondern auch sonst gibt es ein Protokoll, das es strickt einzuhalten gilt. Frohsinn ist etwas für den einzelnen Hallodri am Rande des Faschingszuges, der sich abgelaufene Zuckersteine und billigste Fuselalkoholika in mit Herpes angereicherten Mehrfachbechern zuführt. Nein, davon grenzt sich der kleine Kalli mit samt seinen anzugtragenden und hoch dekorierten Elferräten entschieden ab. Ursprünglich ist Kalli dem Verein beigetreten, weil er etwas für seine Lachmuskeln tun wollte. Ihn lockte auch das diesjährige eingängige Motto: „Wir schunkeln und klatschen bis in die Nacht, ob jung oder alt, das wär‘ doch wirklich gelacht“. Doch er merkte schnell, wie bedeutend die Arbeit hinter den lustigen Kulissen ist. Und wer dann am Rosenmontag auf dem Prunkwagen ein fröhliches Gesicht macht, der outet sich schnell als frisch und unverbraucht. Doch Kalli gelang es ohne große Mühen, seine alltäglich schlechte Stimmung auch in den Karnevalsverein hinein zu transferieren. Nur einmal bei der großen Prunksitzung sind die Pferde mit Kalli durchgegangen und er musste bei einer Büttenrede kurz Kichern. Glück für Kalli, niemand hatte diesen Fehltritt bemerkt.

(39) Der kleine Kalli – lässt es krachen

Mietshäuser sind ein Kleinod an Pedanterie und Chaos. Der kleine Kalli zählt weder zu den besonders ruhigen noch zu den besonders lauten Nachbarn. Aber der kleine Kalli liebt es, Freunde einzuladen und gemeinsam unterhaltsame Abende zu bestreiten. Und diese Abende können dann auch schon in hitzigen Wortgefechten und eifrigen Diskussionen enden. Eigentlich ist auch der Rentner Erwin Huber von unten ein eher ruhiger, wenn auch korrekter Zeitgenosse. So legt er großen Wert auf die Mülltrennung und weiß die Mittagsruhe durchzusetzen. Eines Abends jedoch, der kleine Kalli sitzt mit seinen Freunden in geselliger Runde, da wird die Geräuschkulisse der Gespräche durch das Klingeln an der Wohnungstür durchbrochen. Kalli öffnet die Tür und sieht sich zwei Polizisten gegenüber, die ihn freundlich darauf hinweisen, dass die Lautstärke in den Abendstunden und der Anruf von Herrn Huber der Anlass ihres Erscheinens seien. Kleinlaut gelobte Kalli Besserung und versprach, dass dies nicht nochmal vorkommen werde. Als der kleine Kalli zu seinen Freunden zurückkehrte, war die Stimmung futsch. Der Abend war zwar gelaufen, doch was Kalli noch größere Sorgen bereitete, war seine geplante Geburtstagsfeier in zwei Monaten, bei der die Polizei nicht auf der Gästeliste stand. Daher fasste Kalli einen Plan. An den folgenden Wochenenden rief der kleine Kalli jeden Abend bei der Polizei an, gab sich als Erwin Huber aus und beschwerte sich über den unverschämt lauten Kalli von oben. Die Beamten rückten an; der kleine Kalli öffnete die Tür; die Polizisten schauten sich verdutzt an und rückten, beeindruckt von der meditativen Stille in Kallis Wohnung wieder ab. Nachdem die Beamten ob der Fehlalarmierungen nach mehreren Besuchen bereits sichtlich genervt waren, erlaubte sich Kalli noch den Hinweis, dass bestimmt der Herr Huber sein Hörgerät wieder falsch eingestellt hat. Danach waren die Ordnungshüter nie wieder gesehen.

(38) Der kleine Kalli – wird Organspender

Bis vor kurzem dachte der kleine Kalli noch, das Wort „Organspender“ sei ein Synonym für waghalsige Motorradfahrer. Bei Autofahrten sagte sein Vater immer „Schau mal Kalli, schon wieder ein Organspender!“, wenn ein Biker im rasanten Tempo an der Familienkutsche vorbeisauste. Es brauchte etliche Jahre und einen Kinobesuch, damit ausgerechnet Ralf Schmitz ihn auf dieses ernste Thema aufmerksam machte. Eigentlich, so kam es Kalli in den Sinn, sollte doch jeder Bürger zum 18. Geburtstag einen Organspendeausweis geschenkt bekommen. Dann können sich die jungen Erwachsenen das erste Mal in ihrem Leben einer wichtigen Entscheidung stellen. Der kleine Kalli musste bei dem Wort „Entscheidung“ unweigerlich an seine Schulkameradin Sabine denken. Sabine war klug, schön und unglaublich unentschlossen. Sie kreuzte stets das „Vielleicht“ auf den Willst-Du-mit-mir-gehen-?-Zetteln an und war schon am Schulkiosk hoffnungslos überfordert sich zwischen Vanille- und Schokotrinkpäckchen zu entscheiden. Kurze Zeit nach dem Kinobesuch bestellte Kalli für sich und seine Familie Organspendeausweise, um diese gemeinsam auszufüllen. Doch das Unterfangen gestaltete sich äußerst schwierig. Während die einen sich sicher waren, dass der Notarzt beim Anblick des Organspendeausweises alle Rettungsversuche unterlassen würde, war für die anderen klar, dass der Spruch „Ein Herz für Kinder“ wörtlich zu nehmen sei. Bei all dem Für und Wider fühlte sich Kalli plötzlich vollkommen überfordert und sah sich dieser tiefgreifenden Entscheidung nun so gar nicht mehr gewachsen. Und so kam es, dass Kalli sich dazu entschloss, auf dem Ausweis bei „Über JA oder NEIN soll folgende Person entscheiden“ Sabine einzutragen. Ralf Schmitz hatte eben doch Recht, man muss der Sache nur mit Humor begegnen.

(37) Der kleine Kalli – auf der Datenautobahn

Es gab Zeiten, da surfte man über die Telefonleitung im Internet. Heute telefoniert man über die Internetleitung. Dabei hat sich an der eigentlichen Verkabelung gar nichts geändert. Es gab Zeiten, in denen das Telefonkabel von der Post verlegt wurde. Heute braucht es nicht einmal mehr Kabel. Der kleine Kalli gehört noch zu den Jungs, die in Zeiten aufgewachsen sind, in denen echte Kerle in den Pausen Diddl-Blätter tauschten und man der Liebsten noch JA-NEIN-VIELLEICHT-Zettel zusteckte. Und letzteres tat nicht nur der kleine Kalli im vollen Bewusstsein darüber, dass die Felder JA und NEIN nur pro forma auf dem Zettel aufgetragen wurden. Was auch immer es ist, dass Kinder heutzutage mehr Spaß an bunten Apps und Mobilgeräten haben, die zwar in Sachen Musikauswahl einen Walkman um Welten schlagen, bei der Akkulaufzeit jedoch erblassen, die Kinder lieben die stromgesteuerte digitale Welt. Wo früher Arm und Reich an Geld gemessen wurde, ist der gesellschaftliche Graben heute in Form der Internetgeschwindigkeit zu verzeichnen. Wer auf dem Land lebt und keinen Zugang zur digitalen Welt hat, der muss auch weiterhin Diddl-Blätter tauschen und Zettel schreiben, statt Instagram zu füttern oder WhatsApp zu füllen. Der kleine Kalli musste sich erst zurechtfinden auf den Datenautobahnen. Da hilft ihm auch sein neues Auto mit all den technischen Assistenten wenig. Immerhin will seit neustem auch dieses einst einfache Gerät der Mobilität sich upgedatet wissen. Und dann sitzt der kleine Kalli in seinem Hightech-PS-Boliden und fragt sich, ob die wirklich sinnvoll ist, dem Fortschritt hinterher zu rennen, oder ob nicht doch das Leben als Selbstversorger mit drei Kühen, zwei Schweinen, ein paar Hühnern und einem Acker mit Kartoffeln nicht viel einfacher und erfüllender ist. Und wie er so in Gedanken bei anstrengender körperlicher Feldarbeit ist, lässt sich der Kalli von seinen Massagesitzen so richtig schön verwöhnen.

(36) Der kleine Kalli – hat Leselust

Die Temperaturen steigen und in der Innenstadt wird es unerträglich heiß. Wie gut, dass es wenigstens ein paar Läden gibt, die gegen den Klimawandel ankämpfen und im Eingangsbereich durch die weit geöffneten Türen kalte Luft aus der Klimaanlage blaßen. Der kleine Kalli stellt sich oft vor, wie heiß es in der Fußgängerzone wohl wäre, wenn sie nicht dauerhaft von diesen Kaltluftgebläßemonstern gekühlt würde. Oft sucht der kleine Kalli auch Zuflucht in den Läden selbst. Sein Lieblingsladen ist eine goße Buchhandlung, die wohl noch am eigenen Geschäftsmodell arbeitet. Statt Bücher zu verkaufen, lungern die Kunden auf großen Sofainseln und lesen die Bücher leer. Einigen Kunden sieht Kalli direkt an, dass Sie seit längerem hier hausen. Teilweise in Decken eingepackt (auch wegen der kühlen Zugluft), teilweise mit eigener Snackbar versorgt, hängen sie lethargisch in den Sesseln. Die Verweildauer kann man an dem Stapel der bereits durchgearbeiteten Bücher ablesen. Doch mancher „Kunde“ verwundert selbst die kleine Leseratte Kalli; wie kann man bitte den Duden durchlesen. Immerhin ist der Herr, der dieses sprachliche Meisterwerk in den Händen hält, schon bis VERRÜCKT (Worttrennung: ver|rückt; Beispiele: verrückt werden; sich verrückt stellen; sich nicht verrückt machen lassen (umgangssprachlich)) gekommen. Dass die Buchhandlung ein gutes Drittel der Bücher nach der Marter dieser „Kunden“ nicht mehr verkaufen kann und an eben jene auch nicht mehr verkaufen muss (aus Gründen), scheint die Inhaber wenig zu stören. Besonders angenehm empfindet Kalli den Umstand, dass man sich bei dieser Art der Präsenzbibliothek nicht anmelden muss und noch dazu die Medien stets in ausreichender Anzahl vorhanden sind. Das Konzept sollte nach Kallis Meinung auch auf Filme zu übertragen werden. So könnte man beispielsweise kleine Kinosäle in der DVD-Abteilung einrichten.

(35) Der kleine Kalli – auf Kreuzfahrt

Von Kreuzzügen hatte der kleine Kalli schon gehört, aber das mit den Schiffen war ihm neu. „Die Kirche hat einfach überall ihre Finger drin“, dachte sich der kleine Kalli. Von Genua einmal rund um den Stiefel bis nach Venedig sollte die Fahrt auf den AIDA-Diskokutter gehen. Und dabei lockte schon das Prospekt mit allerlei Spiel und Spaß für Groß und Klein. Der richtige Golfabschlag mit hartgepressten Fischfuttergolfbällen war zwar für Erwachsene gedacht, aber das Prinzip ließe sich sicherlich auch auf die Minigolfanlage an Deck übertragen. Als die Reise losging, da wusste der kleine Kalli noch nicht, dass „Kabine“ ein anderes Wort für „Räuberhöhle“ ist. Von Tiersendungen wusste er, dass bei Transporten ein Mindestraum zur Verfügung stehen muss. Von diesen Regeln hatte die Kreuzfahrtgesellschaft wohl noch nichts gehört. Aber beeindruckend war der Dampfer trotzdem. So viel Essen und so lange Gänge waren für Kalli absolute Neuheiten. Die Zeit auf See ging schnell vorüber. Dank Kegelbahn, Zoo und Einkaufsmeile war der Urlaub auf dem Wasser ein Erlebnis. Die Landgänge fand der kleine Kalli besonders interessant. Hier musste jeder Passagier sich eine lustige, tellergroße Zahl auf seine Brust kleben, damit niemand verloren geht. Wobei das ohnehin schwierig gewesen wäre, da alle Touristen an den Tempelanlagen und Stränden von den Kreuzfahrtschiffen kamen und am Ende des Tages allesamt wieder in die bereitstehenden Busse verstaut wurden. Kurz vor Ende der Reise machte der kleine Kalli noch Bekanntschaft mit dem Bordpfarrer, der ihm den Segen für die Heimreise spendete. „Ein Kirchenschiff also…“, dachte sich Kalli und machte sich auf die Reise ins gelobte Heimatland.

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(34) Der kleine Kalli – und das Bauordnungsrecht

Eigentlich hätten der kleine Kalli und Willibald eine Baugenehmigung benötigt. Andererseits war das Bauwerk gar nicht fest mit dem Boden, sondern vielmehr mit dem Baum verbunden. Doch das überzeugte die Baubehörde nicht. Das Baumhaus der beiden glich einer Baumvilla und stand einem herklömmlichen Haus in nichts nach. Isolierfenster, Türen mit massiven Eisenbeschlägen, Dachziegel, Fußbodenheizung und Balkon; das Bauwerk ließ keine Wünsche offen. Selbst Spülmaschine und Wäschetrockner waren vorhanden. Zwar hatten sich die Kalli und Willi wirklich mühe gegeben, das Baumhaus mit natürlichen Baumaterialien und Spanplatten bestmöglich an die bauliche Umgebung im bis dahin unbebauten Außenbereich anzupassen, doch leider war der Mann von der unteren Baubehörde anderer Ansicht. So war der Toilettenabfluss zwar durch den darunter fließenden Bach gewährleistet, doch angeblich waren die Umweltstandards nicht eingehalten worden. Kalli verstand die Welt nicht mehr, das Baumhaus verfügte über Wärmedämmung, Isolierung und war weitgehend autark und sollte aus Naturschutzgründen weichen?! Das konnte nicht sein.  Der kleine Kalli und Willibald hatten ihren Zweitwohnsitz in den Wipfeln schon aufgegeben, als sich Biber an dem Bach ansiedelten und eindrucksvoll Kallis These stützten: Nicht fest mit dem Boden verbunden.